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Von Zürich bis nach Sansibar und wieder zurück. Wie ist das Leben mit einem schwarzen Vater und einer weißen Mutter in der Schweiz der 80er-Jahre?4 min read

26. März 2021 3 min read

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Von Zürich bis nach Sansibar und wieder zurück. Wie ist das Leben mit einem schwarzen Vater und einer weißen Mutter in der Schweiz der 80er-Jahre?4 min read

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Samira El-Maawi präsentiert in Ihrem Debütroman eine Familiengeschichte mit semi-biografischen Einflüssen. Wie man im Titel schon erahnen kann, ist der Vater Protagonist, den wir in seinem Alltag als Koch aus Sansibar in der Schweiz begleiten.

Geschrieben wird aus der Ich-Perspektive der Zweitgeborenen. Die (Dreh)buchautorin verfasst die Geschichte einer vierköpfigen Schweizer Familie, in der ein sansibarisches Familienoberhaupt versucht, sich zu integrieren. In “In der Heimat meines Vaters riecht die Erde wie der Himmel”, erschienen (01.02.2021) im Zytglogge Verlag, bekommen wir die Kindheits- und Jugendgeschichte einer Mischlingstochter in Zürich geschildert.

«Mein Vater baut sich eine Insel mitten in der Schweiz»

 

Wir werden direkt in das Leben der Familie nach Zürich geworfen. Noch genauer, in die Küche, denn das Essen ist unserem Protagonisten heilig, das wird nach den ersten Seiten direkt klar. Die zehnjährige Ich-Erzählerin lässt uns daran teilhaben, wie es mit einer stolzen Schweizerin und einem ruhigen Mann aus Sansibar ist. Dieser Mann steht auch hauptberuflich am Herd und versucht seinen Platz in der Schweizer Gesellschaft zu finden, genauso wie unsere Erzählerin, die nicht so recht weiss, wo sie dazugehört und auch von Ihrer Umwelt als Exotin bezeichnet wird. Schon anfangs wiederholt sich der Satz, der wie ein Mantra über dem Buch hängt: “Ich weiß mehr über die Geschichte von Nelson Mandela als über die Geschichte meines Vaters.” Dies macht einerseits deutlich, wie fern und fremd ihr der eigene Vater scheint, andererseits aber auch wie gegensätzlich Mandela zum eigenen Vater ist. Die wahren Hintergründe konnte ich im bald auf frachtwerk erscheinenden Interview  mit der Autorin ergründen.

«Ich weiß mehr über die Geschichte von Nelson Mandela als über die Geschichte meines Vaters»

 

Schon nach der Hälfte des Buchs bekam ich große Laune, bei dieser Familie mitzuessen. Generell lässt uns El-Maawi Teil als Gast in Ihrer Küche verweilen. Diese ist für den Vater Dreh- und Angelpunkt seiner Freizeit. Am liebsten würde er die ganze Nachbarschaft bekochen und dort zwischen Mangos, zig Gewürzen und seinen Kochtöpfen und Tellern die Zeit verbringen. Ja, nahezu bekommt man immer wieder den Eindruck, es sei ein Rückzugsort, an dem er wieder zu Hause in Afrika ist. Fröhlich singt und werkelt er vor sich hin, während die Zeit ins Land zieht. Die einzige familiäre Routine, die beibehalten wird, ist der wöchentliche Kirchenbesuch.

«Papa zelebriert das Kochen und singt dabei Bob Marley»

 

Dieser Rückzugsort verstärkt sich nach seiner Arbeitslosigkeit. Er fühlt sich unverstanden von diesen Schweizern, deren Sprache er auch nicht so wirklich lernen möchte. Dass diese Situation natürlich einen gewissen Wendepunkt im Buch darstellt, kann man fast erahnen. Dennoch schildert El-Maawi  eindrücklich, wie es ihr, ihrer Schwester und vor allem der Mutter geht, die immer häufiger mit dem Vater in Streit gerät. Auch wenn es Unterstützung innerhalb der Nachbarschaft gibt (“Die Ausländer verbindet ein durchsichtiges Band, das nur sie sehen können.”), interessiert sich unser Protagonist mehr für das Kochen und Essen als für die Stellensuche. Er nimmt stark zu und verliert sich in Träumereien, ein eigenes Restaurant zu betreiben.

Wie ist es eigentlich in einem der wohlhabendsten Länder der Welt, wenn man plötzlich die Kleider der großen Schwester tragen muss, an schulischen Veranstaltungen nicht teilnehmen kann und auf den Flohmi gehen muss, um etwas “Neues” zu bekommen? Auch diese Situationen werden ausdrücklich geschildert. Subtil, aber ebenfalls mit einer genauen Präzision, wird aufgezeigt, wie das Leben mit brauner (Erzählerin) oder schwarzer (Vater) Hautfarbe ist. Ausgrenzung, Ausländerfeindlichkeit und ein wiederkehrendes Hinterfragen der Erzählerin, wie das Leben mit weisser Hautfarbe sein könnte, bestimmen den Alltag. Immer wieder musste ich beim Lesen an Samy Deluxe’ Song “SchwarzWeiss” denken, der genau diese Probleme und das Leben zwischen zwei Kontinenten/Kulturen/Stühlen beschreibt.

«Lachen ist auch eine Sprache und bedeutet in jeder Sprache das Gleiche»

 

Spannend wird es, als der Vater plötzlich nicht mehr mit in die Kirche gehen will. “Gott ist für meinen Vater ein Ausländer”, tönt es im gleichen Duktus wie beim Mandela-Vergleich. Hier bahnt sich der nächste Wendepunkt in der Handlung an. Welche Beweggründe der Vater hat und wie die Geschichte weitergeht, könnt ihr im lesenswerten Roman “In der Heimat meines Vater reicht die Erde wie der Himmel” erfahren.

Zu erwähnen bleibt noch die Erzählweise, welche tagebuchartige Einträge in Kontrast setzt zu den poetischen Gedankengängen. Dabei bedient sich El-Maawi auch typografischer Mittel, um der Geschichte ihren eigenen Stil zu verleihen. Denn ganz ehrlich, wer kluge Sätze wie: “Lachen ist auch eine Sprache und bedeutet in jeder Sprache das Gleiche.” in seine Bücher einbaut, hat eben selber auch ein großes Gefühl dafür und ist mir vom Fleck weg sympathisch.

 

 

Dieses Buch passt zu …
… allen Menschen, die zwischen zwei Kulturen aufgewachsen sind
… die sich ins Zürich der 80-er Jahre zurückversetzen möchten und sehen wollen, wie das Leben aus afropäischer Sicht ist
… einem Mangoschnaps

 

 

Text: Daniel Klein

Foto: Franziska Reichel