Gesellschaft Magazin

«Ich schlafe ungern ein, da ich Angst habe, von der Polizei überrascht zu werden»6 min read

27. November 2023 4 min read

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«Ich schlafe ungern ein, da ich Angst habe, von der Polizei überrascht zu werden»6 min read

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Familie Hosseini fürchtet, nach Kroatien abgeschoben zu werden. Denn: Es wäre nicht das erste Mal. Wohnhaft seit einem Jahr in Beromünster, wurde ein Teil der Familie Ende August nach Kroatien abgeschoben. Doch der Ort ist für sie mit einer gewaltvollen Erinnerung verbunden. Inzwischen sind sie wieder hier, aber die Furcht vor einer erneuten Abschiebung dominiert den Alltag.  

Ein Beitrag von Florian Rudolph

Als die Familie Hosseini aus dem Iran in die Schweiz flüchtete, erlebte sie Gewalt und Diskriminierung durch die kroatische Grenzpolizei. Dessen ungeachtet wurden die Mutter und ihre beiden Söhne vor zwei Monaten nach Kroatien abgeschoben. Inzwischen ist die ganze Familie wieder in der Schweiz: Hava (38), die Mutter, befindet sich wegen einer schwergradigen Depression und Epilepsie im Kantonsspital Luzern in stationärer Behandlung. Abbas (45), der Vater, und die drei Kinder Mohadeseh (17), Abolfazl (16) und Ehsan (6) befinden sich momentan in Beromünster und versuchen, mit ihrer unsicheren Lage umzugehen. Sie erzählen ihre Geschichte, um zu bleiben.

frachtwerk: Was stand in ihrem Abschiebebescheid?

Mohadeseh: Darin stand, dass wir Fingerabdrücke in Kroatien haben und darum nach Kroatien zurückmüssen.

Abbas (holt ein 20-seitiges Dokument hervor): Hier, sehen Sie selbst. Wir haben kaum etwas davon verstanden. Wir haben aber verstanden, dass wir abgelehnt wurden.

f: Was ist am Tag der Ausschaffung passiert?

Abolfazl: Die Polizei stand um 5:30 Uhr vor der Türe. Wir haben geschlafen. Nachdem sie einmal gerufen haben, sind sie direkt in die Wohnung eingedrungen. Sie haben die Türe kaputt gemacht. Es waren insgesamt 15 Polizeikräfte. Mein kleiner Bruder hat immer gefragt: Was haben wir falsch gemacht, dass so viele Polizisten da sind? Mohadeseh war nicht zu Hause. Mein Vater hat einem Freund angerufen, der ist schnell nach Beromünster gefahren. Aber bevor der Freund angekommen ist, sind Hava, ich und mein Bruder bereits an den Flughafen gebracht worden.

Abbas: 6 Polizeikräfte blieben bei mir in Beromünster. Sie wiesen mich an, meine Tochter anzurufen. Um 11 Uhr gingen sie weg und sagten mir, ich müsse mich mit meiner Tochter beim Amt für Migration melden, um auch ausgeschafft zu werden.

Abolfazl: Am Flughafen wurde meine Mutter ohnmächtig. Die Rettungskräfte meinten, sie muss ins Krankenhaus, aber die Polizisten beharrten auf der Ausschaffung. Sie dachten, sie täuscht alles vor und haben Schmerzgriffe an der Hand angewendet, um zu sehen, ob sie wirklich ohnmächtig ist. Ihre Hand war später voller blauer Flecken.

f: Wie geht es Ihrer Mutter momentan?

Mohadeseh: Wir besuchen sie jeden Tag oder jeden zweiten, doch leider ist sie psychisch sehr angeschlagen und braucht Ruhe.

f: Wie geht es Ihnen?

Abolfazl: Ich schlafe ungern ein, da ich Angst habe, von der Polizei überrascht zu werden. Seitdem ich mit meiner Mutter und meinem kleinen Bruder ausgeschafft wurde, fühle ich mich nicht mehr sicher in unserer Wohnung. Darum übernachte ich oft bei Freunden.

Mohadeseh: Mir geht es ähnlich. Ich denke ständig daran, dass die Polizei am Abend oder am Morgen kommen könnte.

Abbas: Einerseits bin ich unterfordert, weil ich nicht arbeiten darf. Andererseits bin ich überfordert: Ehsan ist immer allein mit mir zu Hause und die Mutter fehlt ihm. Die grosse Unsicherheit ist sehr schwierig.

f: Abbas, Ihre Frau wurde abgeschoben, Sie aber nicht. Warum?

Abbas: Da Mohadeseh minderjährig ist, konnte sie nicht allein in der Schweiz bleiben. Die Polizei hat entschieden, dass meine Ehefrau mit unseren beiden Söhnen mitgehen muss.

f: Und wie war es für dich, Abolfazl, nach Kroatien abgeschoben zu werden?

Abolfazl: Es war schwierig, weil wir an der Grenze in Kroatien eine schwierige Erfahrung gemacht hatten, als wir das erste Mal da waren.

f: Was ist passiert?

Abolfazl: Die kroatische Grenzpolizei hat unsere Dokumente und unsere Handys genommen und dann haben sie uns gezwungen, unsere Kleider auszuziehen und wir wurden von Hunden durch den Wald gejagt.

Abbas: Es ist an der Grenze Bosnien-Kroatien passiert. Es war Winter und sehr kalt. Die Polizisten haben gesagt: «Ihr müsst euch nackt ausziehen.» Sie haben uns geschlagen. Dann haben sie alle unsere Sachen, unsere Handys, Lebensmittel und Kleider verbrannt und uns zurück nach Bosnien gejagt. Ehsan war drei Jahre alt, er hat alles miterlebt. Ich hatte grosse Angst um meine Familie.

f: Warum diese Gewalt?

Abolfazl: Ich glaube, sie machen das, um zukünftige Flüchtende abzuschrecken.

f: Ist es schwierig für Sie, Ihre Geschichte zu erzählen?

Abbas: Als wir in die Schweiz kamen, hatten wir grosse Hoffnungen an die Zukunft und daran wollen wir festhalten. Dafür erzählen wir unsere Geschichte. Aber ich ziehe daraus auch Kraft, weil ich denke, dass wir damit auch anderen Familien helfen können.

f: Inwiefern?

Abbas: Im Moment schickt die Schweiz viele geflüchtete Menschen zurück nach Kroatien. Aber viele haben in Kroatien Gewalt erlebt, wir sind nicht die einzigen. Wir hoffen, dass die Abschiebungen nach Kroatien aufhören.

f: Und wie geht es jetzt weiter für Sie?

Mohadeseh: Wir haben ein Wiedererwägungsgesuch gestellt, es ist eine zweite Chance für einen positiven Asylentscheid. Wir hoffen auch, dass das Interview uns in diesem Prozess hilft.

f: Bevor Sie in die Schweiz flüchteten, haben Sie im Iran gelebt. Können Sie sich vorstellen, dorthin zurückzukehren?

Abbas: Wir haben 11 Jahre im Iran gelebt. Wir durften leben, aber wir durften offiziell nicht arbeiten und die Kinder durften nicht in die Schule gehen.

Mohadeseh: Oft wurde uns gesagt: «Afghane, was machst du hier? Warum lebst du hier? Warum gehst du nicht zurück?» Beim Einkaufen mussten wir ständig damit rechnen, beleidigt zu werden. Ich fühlte mich unwohl und unsicher.

#StopDublinKroatien

Aufgrund des Dublin-Systems müssen geflüchtete Personen ihr Asylverfahren in dem EU-Land machen, in welchem sie zum ersten Mal ihre Fingerabdrücke registriert haben. Im Falle der Familie Hosseini ist das Land der Erstregistrierung Kroatien.

Doch Die Gewalt, die flüchtende Personen an der kroatischen Grenzen erfahren, wurde vielfach dokumentiert, unter anderem von Amnesty International und Human Rights Watch. Und auch das Asylverfahren in Kroatien wurde kritisiert: In «Eine Spirale der Gewalt» dokumentierte Solidarité sans frontières diesen Sommer, dass geflüchteten Menschen in Kroatien der Zugang zum Gesundheitssystem fehlt. Deshalb protestieren verschiedene NGOs, zivilgesellschaftliche Organisationen, sowie betroffene Menschen unter dem Namen #StopDublinKroatien gegen die Ausschaffungen nach Kroatien.

Bleiberecht für Familie Hosseini

Hava und ihre beiden Söhne haben kurz nach dem Interview einen negativen Entscheid auf ihr Wiedererwägungsgesuch erhalten. Ihre Anwältin hat Beschwerde eingereicht und der Fall wird in der UN-Kommission weiterverhandelt. Das Solinetz Luzern hat am 8. November eine von 766 Personen unterzeichnete Petition an den Regierungsrat des Kantons Luzern überreicht und fordert damit das Bleiberecht für die Familie.

Bild: Florian Rudolph