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“Die Leute denken, ich sei nicht intelligent” – Ein Gespräch unter Geflüchteten über Diskriminierung in der Schweiz8 min read

22. Januar 2024 6 min read

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“Die Leute denken, ich sei nicht intelligent” – Ein Gespräch unter Geflüchteten über Diskriminierung in der Schweiz8 min read

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Gastautor Simon Kräuchi besuchte ein Gespräch über Diskriminierung im Alltag von Geflüchteten in der Schweiz. Das Gespräch fand im Sentitreff in Luzern statt und war primär an Geflüchtete selbst adressiert. Ihnen sollte ein Raum gegeben werden, um von ihren Erfahrungen berichten zu können, von der Frage «Wo kommst du her?» bis zu rassistischen Stereotypen mit alltäglichen Konsequenzen.

Ursprünglich erschien der Text im Rahmen des Projekts “Fluchtgeschichten” auf der Online Plattform Philosophie.ch. Das Ziel des Projekts war es, die Erfahrungen geflüchteter Menschen aufzuzeichnen und einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich zu machen.

Ein Beitrag von Simon Kräuchi

 

Diskriminierung

Berzan, der Initiator der Diskussionsrunde, eröffnete das Gespräch mit der Frage, wie die anderen Teilnehmer (es nahmen nur männliche Personen an dem Gespräch teil) Diskriminierung im Alltag erfahren würden. Denis, ein junger Mann, begann seine Antwort, indem er beschrieb, wo für ihn die Grenze zwischen Diskriminierung und Nicht-Diskriminierung verläuft. Er erzählte von einem Ausflug, den er und seine (Schweizer) Mitbewohner*innen unternommen hatten. Während des Ausflugs wurde er von einer dritten Person danach gefragt, wo er denn herkommen würde. Während seine Mitbewohner*innen diese Frage bereits als diskriminierend empfanden, war sie für ihn normal – eine Frage, die auch er stellen würde.

Dieser Situation stellte er andere gegenüber, die er als diskriminierend empfunden hatte. Beispielsweise erzählte er von der Begegnung mit einer älteren Frau auf der Post: Denis grüsste diese höflich, mit Grüezi, wie es doch normal sei. Die alte Frau blieb allerdings stumm und musterte ihn nur abschätzig. Und selbst nachdem Denis versuchte nachzufragen, ob er denn etwas Falsches getan habe, gab die Frau keine Antwort. Eine solche Begegnung kränkt ihn, da er davon überzeugtist, dass sie sich nur deshalb so abspielt, weil er kein Schweizer ist, die Sprache noch nicht völlig beherrscht und anders aussieht als die meisten Leute hier.

 

Alltag

Diese Erfahrung folgt einem Muster, das sich in vielen weiteren Anekdoten an diesem Abend wiederholt: Es werden zwei Klassen von Menschen gebildet, die verschieden behandelt werden. Beispielsweise erzählt Denis weiter, wie die Kassiererin eines Supermarktes den Rucksack eines geflüchteten Freundes inspizieren wollte, um zu kontrollieren, ob dieser etwas gestohlen habe. Auch hier war Denis überzeugt, dass dies nicht so passiert wäre, wenn sie beide Schweizer wären, oder zumindest wie solche wirken würden.

Die Anekdoten, die von ähnlichen Begegnungen berichten, häufen sich dermassen, dass sie gar nicht alle aufgeschrieben werden können. Einige sind bedauerlicherweise so gewöhnlich und bekannt, dass man sie sich auch ohne Erwähnung bereits vorstellen kann: Es wird von Ungleichbehandlung bei Kontrollen erzählt, sei es in der Bahn oder durch die Polizei. Immer wieder stehe ein Grundverdacht im Raum, dass man etwas falsch gemacht habe, kein Billett besitze oder gar etwas verbrochen habe. Und immer sei der Grund derselbe:

Die Menschen nehmen einen als nicht zugehörig wahr, als Fremde, nicht-Schweizer, denen man nicht Vertrauen könne.

 

Sprache

Einen Aspekt gilt es hierbei besonders hervorzuheben: die Sprache. Kaum ein anderer sozialer Mechanismus ist so fundamental für die Zugehörigkeit zu einer Gruppe wie die hürdenlose Verständigung. Wer die Sprache nicht lupenrein beherrscht, wird schnell als weniger intelligent oder gar als weniger wert betrachtet. Während des Gesprächs erzählen alle, wie es ihnen zu schaffen macht, dass sie in dem wenigen Unterricht, den sie erhalten, nur Hochdeutsch und nicht Schweizerdeutsch lernen.

Das alltägliche Leben in der Schweiz ist zu weiten Teilen auf Schweizerdeutsch gestaltet – für Anfänger*innen der deutschen Sprache etwas völlig anderes als die sogenannte Standartsprache. Selbst wenn Geflüchtete schnell Deutsch lernen, kommt es so zu Situationen, in denen sie sich nicht zugehörig fühlen oder in denen ihnen Optionen verwehrt bleiben, die sie unter anderen Umständen nutzen könnten. So berichtet beispielsweise Berzan von einer Bewerbung, die trotz genügender Qualifikation und positiv verlaufenem Probearbeitstag mit der Begründung abgelehnt wurde, dass Schweizerdeutsch eine Voraussetzung sei, die er leider nicht erfüllen würde.

 

Intelligenz

Eng damit verbunden ist eine weitere Erfahrung, die viele Geflüchtete teilen: Immer wieder sehen sich meine Gesprächspartner mit der Annahme konfrontiert, sie seien nicht genügend intelligent für das Leben in der Schweiz. Das, obwohl alle von ihnen eine Ausbildung abgeschlossen haben – in der Sozialarbeit, im Journalismus oder in der Elektronik. Beispielweise wird Denis erklärt, dass eine (Kleider-) Waschmaschine nicht dazu geeignet ist, Geschirr zu spülen, auf eine Art, wie man sie sonst bei Kindern gebraucht.

Solche Erklärungen – auch die, die vielleicht nicht einmal abwertend gemeint sind – zeigen deutlich, wie wenig die meisten Menschen in der Schweiz über die Lebensrealität in anderen Ländern wissen und wie fest eine vermeintliche zivilisatorische Überlegenheit in westlichen Köpfen verankert ist.

In den Institutionen des schweizerischen Migrationsregimes nehmen solche Ansichten allerdings eine düstere Systematik an. Dies beginnt, so Berzan, bereits bei der Ankunft im Asylzentrum, wo einfachste Verhaltensregeln erklärt werden, als hätten die Geflüchteten keine Ahnung von gesellschaftlichem Verhalten. Berzan und Denis erzählen auch, wie sie trotz erfolgreich abgeschlossenem Studium in ihren Heimatländern mehrfach einen IQ-Test über sich ergehen lassen mussten, um in der Schweiz eine neue Ausbildung in Angriff nehmen zu dürfen.

 

Hilfe

Ungleiche Behandlung und Diskriminierung erfahren die Gesprächsteilnehmenden allerdings nicht nur von offizieller Seite oder bei zufälligen Begegnungen im Alltag, wenn auch erstere wohl die Schwerwiegendste ist. Auch Menschen, die grundsätzlich hilfsbereit sind – und deren Hilfe auch sehr geschätzt wird! – fallen manchmal in Verhaltensmuster, die Geflüchtete herabsetzen.

Berzan erzählt beispielsweise die Geschichte eines Lehrers, der ihm und anderen Geflüchteten Deutsch beibrachte. Die Geflüchteten beschwerten sich bei diesem Lehrer, da der Unterricht ihrer Meinung nach nicht ausreichte, um wirklich Deutsch lernen zu können. Anstatt das Gespräch mit den Kursteilnehmer*innen zu suchen, unterstellt der Lehrer ihnen mangelnde Dankbarkeit: Sie sollen froh sein, dass ihnen überhaupt jemand helfen würde. Anstelle sie als ebenbürtige Menschen ernst zu nehmen, so Berzan, schob er sie in die Schublade der Hilfesuchenden, die dankbar um jede Unterstützung «normaler» Menschen sein sollen.

In weniger gravierendem Ausmass, aber nichtsdestotrotz genauso fühlbar, findet sich diese Unterscheidung von Hilfesuchenden und Hilfeleistenden in vielen Begegnungen zwischen Geflüchteten und Menschen aus der Schweiz wieder. Alle Teilnehmer der Diskussion sind sich darin einig, dass es sehr schwierig ist, Schweizer*innen als Freund*innen zu gewinnen. Hilfsbereit seien viele. Aber wirklich bereit eine Freund*innenschaft einzugehen, sind wenige. Zu tief ist das Muster von wir Hilfeleistenden und ihr Hilfesuchenden verankert.

 

Folgen

Dies hat für viele Neuankommende in der Schweiz verheerende Folgen: Sie vereinsamen, finden keinen Weg in die Gesellschaft, keinen Ort, an dem sie sich sicher und geborgen fühlen. Idris schildert eindrücklich, wie schwer es ihm fällt, mit Menschen in Kontakt zu treten. Nur schon mit Leuten an öffentlichen Plätzen ein bisschen zu plaudern, oder ein paar Witze auszutauschen, ist beinahe unmöglich in der Schweiz. Und nicht nur, weil die Sprache unverständlich ist. Die Menschen sind oftmals zurückweisend und wenig bereit mit Unbekannten ein Gespräch zu beginnen. Für Idris ist klar, dass, wenn er zurück in sein Heimatland könnte, er es sofort tun würde.

Das Leben hier sei alles andere als angenehm – «schwierig», wie alle Teilnehmer der Diskussion immer wieder betonen. Und all dies verschärft nur die Traumata und Probleme, die alle von ihnen von ihrer Flucht mitnehmen, ist Idris überzeugt.

 

Integration

An dieser Stelle ist es wichtig, zwei fundamentale Aspekte der Selbstwahrnehmung der Geflüchteten hervorzuheben: Erstens sehen sie die Möglichkeit, Asyl zu erhalten, als ein ihnen durch ihr Menschsein gegebenes Recht an. Also nichts, wozu sich eine Gesellschaft herablässt, um es einigen Hilfesuchenden aus Barmherzigkeit zu gewähren. Zweitens sind sie nicht in der Schweiz, weil sie es wollen, sondern weil sie es müssen. Ihr Ziel ist es nicht, in dieser Gesellschaft zu leben. Eine Gesellschaft, die sie, wie Idris betont, nicht als einen Ort empfinden der ihnen das Leben ermöglicht das sie führen wollen.

Das beutet für Idris, dass sich Geflüchtete zwar integrieren sollen, aber nicht assimilieren, nicht alle Unterschiede verschwinden lassen müssen. Zum privaten Leben eines jeden Menschen gehört auch kulturelle Freiheiten geniessen und sich selbständig entfalten zu dürfen. Und dies ist nicht nur etwas, was eine Gesellschaft tolerieren muss. Sie könnte davon auch noch etwas lernen. Idris, seines Zeichens Sozialarbeiter, sieht in der kulturellen Vielfalt auch eine Chance für die Schweiz. Die Bedingungen, die ihm das Leben hier erschweren, wie etwa die Zurückhaltung und der hohe Leistungsdruck, spüren nicht nur die Geflüchteten – wenn auch diese sehr heftig. Auch Schweizer*innen leiden unter diesen gesellschaftlichen Strukturen. Für sie könnte der Austausch mit anderen Kulturen, so ist Idris überzeugt, Möglichkeiten schaffen, neue Formen des Zusammenlebens zu finden.

 

Lösungsansätze

In der Abschlussrunde unseres Gesprächs, betrachteten wir einige Möglichkeiten, wie die Situation in der Schweiz verbessert werden könnte. Zentral hierbei ist für die Teilnehmenden der Diskussion die Anerkennung, dass Flucht keine Wahl ist, sondern ein Zwang. Erst wenn ein Bewusstsein hierfür in der Bevölkerung vorhanden sei, wird ein Umdenken stattfinden und die Probleme der Geflüchteten ernstgenommen, wie etwa der psychische Stress der Flucht und die Ankunft in einem neuen Land.

Eine solche Wende ist ein langwieriger Prozess. Bildung und das Einbringen der Perspektive von Geflüchteten in die öffentliche Debatte sind dafür zentral. Aber nicht nur das:

Vor allem ist es wichtig, dass Menschen sich als Menschen begegnen und vermehrt Freund*innenschaften zwischen Geflüchteten und Ansässigen entstehen.
 

 

Bild: Bujar Berisha